Quomodo Blog

So richtig viel Touristen verschlägt es ja noch nicht nach Helsinki… Dabei hat das diese Multi-Kulti-Stadt an der Ostsee gar nicht verdient! Ich war letztes Jahr dort, um die finnische Hauptstadt und deren Welterbe, die Festung Suomenlinna, zu entdecken.

Der Plan: mal was neues entdecken (wie üblich)! Alle skandinavischen Hauptstädte habe ich schon besucht, was aber ja keine große Leistung ist, da Skandinavien ja eigentlich (oder zumindest historisch) nur aus Norwegen, Schweden und Dänemark besteht. Reykjavik steht auch schon auf meiner Haben-Liste, und wenn man so will auch Edinburgh (ja, Schottland zählt für mich auch zum Norden). Fehlte also nur noch Helsinki und das Baltikum. Und deswegen sollte es nun für eine Woche in die finnische Hauptstadt gehen (inklusive einem Abstecher nach Tallinn).

Der Wirkliche Plan: es sollte meine erste Reise werden, die ich ganz alleine mache. Und abgesehen davon auch meine erste Reise, die nicht von vorne bis hinten durchgeplant war. Mal sehen, wie es ohne Plan aber mit viel Entdeckerlust so funktioniert.

Auf geht’s: Nach etwa 2 Stunden quer über die Ostsee fliegen kam ich am Flughafen Helsinki-Vantaa an und erlebte die erste (für mich positive) Überraschung: es war kaum ein Mensch da. Dann konnte es also ohne großes Gedrängel mit der neuen Ringbahn nach Helsinki gehen. Auf dem Flughafen-Gelände wird noch fleißig gebaut, aber dank eines kostenlosen Pendelbusses (der allerdings unbeschriftet und auf Verdacht fährt) war die Haltestelle zumindest schnell erreicht. Über Rolltreppen war ich dann eine gefühlte Ewigkeit unterwegs in die Tiefe und mit der Ringbahn nach etwa einer halben Stunde am Hauptbahnhof in Helsinki. Beim ersten Mal in einer neuen Stadt reagiert mein Hirn immer mit der Orientierungsfähigkeit eines Toastbrotes und so brauchte ich doch ein wenig Zeit, um die richtige Straßenbahnstation zu finden. Auf dem Weg in mein Hostel auf der Halbinsel Katajanokka konnte ich schon die Einkaufsstraße Aleksanterinkatu sowie die beiden bekannten Kirchen im Stadtzentrum (die weiße lutherische Domkirche und die orthodoxe Uspenski-Kathedrale mit ihren Zwiebeltürmchen) begutachten.

UNESCO-Reise: Helsinki, Suomenlinna   UNESCO-Reise: Helsinki, Suomenlinna

Den Abend verbrachte ich dann im Brunnsparken (Kaivopuisto), denn von dort kann man toll den Sonnenuntergang über den Schären vor der Küste Helsinkis genießen und die Seefestung Suomenlinna sehen. Der Park wird gerne für Open Air-Konzerte genutzt und die Helsinkier Studenten feiern dort ihr Studentenfest in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai (Vappu; ein bisschen wie unsere Walpurgisnacht, aber doch ganz anders) und am 1. Mai kommen viele Menschen zum Vappu-Picknick in den Park. In der exklusiven Lage dieses teuersten Wohnviertels von Helsinki befinden sich auch viele Botschaften.

UNESCO-Reise: Helsinki, Suomenlinna

Am nächsten Morgen wollte ich an einer (dank der Helsinki-Card) kostenlosen Stadtrundfahrt teilnehmen (ob sich die Helsinki-Card lohnt, werde ich in einem extra Artikel beschreiben). Auf dem Weg zum Startpunkt im Esplanadi-Park musste ich „leider“ über den Markt. Leider, weil es dort Unmengen aller Arten von Beeren gab. Himbeeren, Brombeeren, Erdbeeren, 2 verschiedene Arten Blaubeeren, Moltebeeren, Preiselbeeren, naja, und auch anderes Obst und Gemüse. Und Beeren kann ich absolut nicht widerstehen… Ich hätte mich reinlegen können! Als wichtige Lektion sollte ich nach dieser Woche übrigens gelernt haben, dass zu viele Blaubeeren (3 Liter an 4 Tagen) wirklich nicht gut sind für den gesunden Fortbestand des Zahnschmelzes. Naja, hinterher ist man immer schlauer. Lecker wars trotzdem!

UNESCO-Reise: Helsinki, Suomenlinna

sooo viele Beeren… *lechz*

Historischer Abriss und die Enstehung der Seefestung Suomenlinna

Um eine Stadt und ihre Architektur besser zu verstehen, muss man natürlich auch ein bisschen in die Geschichte eintauchen (ich versuche, mich kurz zu halten!). Nachdem die Gegend bis ins frühe Mittelalter nur als Jagdgrund genutzt wurde, gründete der schwedische König Gustav Vasa im Jahre 1550 Helsinki an der Mündung des Flusses Vantaa (heutiger Stadtteil Arabiaranta). Der überwiegende Teil der neuen Bewohner stammte aus der schwedischen Landschaft Hälsingland, woher sich wahrscheinlich der Name Helsinki ableitet (auf schwedisch Helsingfors). Jedoch erwies sich der Standort als äußerst ungünstig für den Schiffverkehr, weswegen die Stadt (um 1640) an ihren heutigen Ort umgesiedelt wurde, mit dem Zentrum am heutigen Senatsplatz. Genau gegenüber vom Dom steht das älteste Steingebäude Helsinkis (das blaue Sederholm-Haus), allerdings von 1757, denn in der Zwischenzeit wurde Helsinki des öfteren von Bränden, Kriegsgefahren und auch Hungersnöten heimgesucht und auch der Große Nordische Krieg (1700 – 1721) um die Vorherrschaft im Ostseeraum tat sein übriges, dass sich die Stadt und die Einwohnerzahlen nicht wirklich entwickelten. Ein weiterer Krieg mit Russland (1742/43) zwingt Schweden, neue Befestigungsanlagen zu bauen, worauf die Seefestung Sveaborg (schwedischer Name, finnisch damals: Viapori) entsteht. Im Russisch-Schwedischen Krieg von 1808 fällt Helsinki (und ganz Finnland) an Russland und wird während dieser Herrschaft erst Hauptstadt und dann auch Universitätsstadt. Während des Krieges wüteten wieder Brände und so wurden viele Gebäude in Helsinki dann im neoklassizistischen Stil nach den Entwürfen von Carl Ludwig Engel neu gebaut, die man auch heute noch bewundern kann. Dazu zählen neben der weißen Kathedrale auch deren umliegende Gebäude am Senatsplatz, wie der Senat, das Uni-Hauptgebäude und die Bibliothek. Am 6. Dezember 1917 wurde Finnland unabhängig, Sveaborg („Schwedenburg“) blieb aber noch bis zur russischen Oktoberrevolution unter russischer Herrschaft und wurde anschließend in Anlehnung an den schwedischen Namen in Suomenlinna („Finnenburg“) umbenannt. Nach dem finnischen Bürgerkrieg, aus dem die bürgerlichen Weißen unter General Mannerheim als Sieger hervorgingen, diente Suomenlinna als Kriegsgefangenenlager, und spielte nur während des 2. Weltkrieges noch eine Rolle als Stützpunkt von Küstenartillerie und U-Booten. Seit 1973 werden die Inseln vom Ministerium für Bildung und Kultur verwaltet und seit 1991 steht die Festung auf der UNESCO-Welterbeliste.

Für die Austragung der Olympischen Sommerspiele 1952 wurden viele Gebäude im funktionalistischen Stil der Nachkriegszeit gebaut. Dazu zählen z.B. das Olympiastadion, die Hauptpost und der Glaspalast. Seitdem wächst Helsinki durch Eingemeindung und neue Bauprojekte stetig und beherbergt heute mehr als 600.000 Einwohner. Von der ursprünglich in Helsinki ansässigen fast völlig schwedischsprachigen Oberschicht merkt man inzwischen nicht mehr viel. Nur noch 6 Prozent der Finnen sprechen Schwedisch als Muttersprache (Tendenz weiter sinkend).

Das alles und noch ein bisschen mehr lernte ich auf der Sightseeing-Tour. Einen Halt haben wir auf der Tour auch eingelegt, nämlich an der Temppeliaukio-Felsenkirche im Stadtteil Etu-Töölö. Verantwortlich dafür sind die Architekten-Brüder Suomalainen und sie stammt aus dem Jahr 1969. Diese in den Granit hinein gehauene Kirche mit einem Kupferdach hat eine hervorragende Akkustik und wird deswegen regelmäßig für Konzerte genutzt. Nach der Bus-Tour durch die Stadt folgte gleich noch eine weitere Tour, diesmal auf dem Wasser durch die Schärenwelt Helsinkis. An Suomenlinna vorbei fuhren wir einmal um die Insel Laajasalo herum. Im Sonnenschein auf dem Deck hatte ich einen tollen Ausblick auf die vielen Sauna-Häuschen, die die Ufer säumten. Kaum zu glauben, dass das Eis im Winter manchmal so dick ist, dass man bis zu den Inseln laufen kann.

UNESCO-Reise: Helsinki, Suomenlinna

Und wo ich hinterher schon einmal am Markt war, hab ich einfach gleich noch die nächste Fähre zur Festungsinsel Suomenlinna genommen. In der Sommerzeit kann man auch geführte Rundgänge über die Insel machen. Im Militärmuseum und dem Suomenlinna Museum kann man ganz tief eintauchen in die Geschichte dieser Festung.  Ich werde mich wohl nie an dieses Gefühl gewöhnen, als Frau als einzige durch solche Museen zu laufen… Die meisten Besucher so spät abends nutzten die schönen Felsküsten für ein Abendbrotspicknick im Sonnenuntergang. An einem Anleger an den Brücken zu den Nebeninseln sind tatsächlich noch jüngere Kerle im kalten Wasser gewesen. Die spinnen die Finnen!

Die nächsten Tage verbrachte ich dann mehr im Grünen, aber darüber werde ich in einem extra Artikel schreiben!

Natürlich konnte ich Helsinki nicht verlassen, ohne mich nochmal mit Blaubeeren einzudecken, nicht zuletzt da der viel zu warme deutsche Sommer nicht viele Beeren hergegeben hat und ich so um meinen geliebten Blaubeerkuchen gebracht wurde. Dafür musste ich am Flughafen erstmal umständlich klären, ob die Beeren im Handgepäck transportiert werden dürfen. Zum Glück war auch diesmal nicht viel los und nach ein paar Extrarunden zwischen Gepäckaufgabe und Sicherheitskontrolle durfte ich meine mit Beeren gefüllten Flaschen von mir bewacht mit ins Flugzeug nehmen. Ich hatte schon Angst, dass sie sonst zu Matsch werden würden. Seltsamerweise hab ich es außerdem tatsächlich geschafft, mein Koffergewicht von 14 auf 21 kg zu steigern, obwohl kaum etwas dazu gekommen ist…

Für das erste Mal in Finnland hat es auf jeden Fall geholfen, dass in Helsinki die wichtigsten Schilder allesamt zweisprachig gehalten sind und unter dem Finnischen auch immer die schwedische Übersetzung zu finden ist. Wer weiß wie lange das noch so ist, wo doch der Anteil der schwedischsprachigen immer weiter sinkt. Allerdings sind sehr wichtige Sachen sogar auf Russisch und Englisch ausgeschildert und damit sollte sich wohl jeder zurecht finden können. Und die Helsinkier (alle von jung bis alt) wechseln auch munter in den Sprachen umher; besonders die schwedischsprachigen: von schwedisch zu finnisch und dann wieder englisch… Für die Zukunft habe ich mir aber auf jeden Fall vorgenommen, ein bisschen Finnisch zu lernen und mich mit der komplizierten finnischen Grammatik zu beschäftigen.

by Tine Apr 23, 2016 Views:1204 Share:

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