Quomodo Blog

Vor meiner Zeit in Göteborg hätte ich mich selber nicht auf die Menschheit loslassen wollen… Ich war sehr introvertiert (okay, das bin ich immer noch, aber jetzt glücklich damit), hasste small talk, konnte fremde Menschen wunderbar anschweigen, aber auf keinen Fall mit ihnen reden und fand menschliches Zusammentreffen jeglicher Art einfach nur furchtbar. Und obwohl ich fast gekniffen hätte, bin ich gefahren. Alleine in ein anderes Land, mit sehr dürftigen Sprachkenntnissen und ohne eine Ahnung, wohin es mich bringen sollte. Dort angekommen machte ich das einzig sinnvolle; denn nun hatte ich mich schon ins kalte Wasser gestürzt, dann konnte ich auch gleich ein bisschen schwimmen.

In nur 4 Monaten fand ich Freunde fürs Leben mit denen ich Land und Leute kennen lernte und eine wunderbare Zeit verbrachte. Und auch alleine kam ich besser klar, als jemals zuvor. Ich wurde selbstbewusster und legte meine Angst ab, Dinge alleine zu machen. Klar ist es meistens schöner, wenn man Erfahrungen und Erlebnisse mit anderen teilen kann. Aber dafür warten, bis ein anderer mal Zeit oder Lust (oder Geld) hat? Wenn man etwas möchte, muss man es tun! Dabei spielte es kaum noch eine Rolle, dass ich kein gutes Schwedisch sprach oder die tausend anderen Kleinigkeiten, die ein fremdes Land nun mal so mit sich bringt. Es war unglaublich befreiend, in einer so toleranten Stadt zu leben und von den Menschen mit offenen Armen empfangen zu werden. Denn nein, die Schweden sind nicht nur reserviert und kalt! Es geht alles so viel freundlicher zu als hierzulande! Man fühlt sich nicht rund um die Uhr dazu gezwungen, sich mit anderen zu messen, vor allem auch weil diese ganzen umständlichen Anredeformen wegfallen.


Warum Heimkehren so schwierig ist… – oder: wenn der Traum dann zu Ende ist.

Und dann näherte sich das Ende… es war ein seltsames Gefühl: Packen und zu wissen, dass es diesmal nicht nur in eine neue Wohnung in Göteborg geht, sondern wieder zurück nach Deutschland. Bei den letzten Besuchen in der Heimat musste ich nicht darüber nachdenken, was ich mitnehmen kann um meine Erlebnisse und Erfahrungen aus Schweden noch besser in Erinnerung zu behalten. Normalerweise brachte ich kleine Geschenke mit für meine Familie und Freunde: typisch schwedisches Essen oder eben kleine Dinge mit denen ich zeigen wollte, wie schön es im Norden sein kann und wie viel mir dieses Land bedeutet.

Doch diesmal war es soweit und ich war damit völlig überfordert. Wie geht man damit um, wenn das, was man sich immer gewünscht hat und sich so darauf gefreut hat, dann „plötzlich“ zu Ende ist? Ich habe versucht, die Zeit bis zur allerletzten Sekunde zu genießen, aber gegen Ende bekommen diese Gedanken dann doch die Überhand… Klar war da erstmal ein Plan für die ersten Wochen zurück in der Heimat. Aber trotzdem fiel ich in ein ziemlich tiefes Loch. Niemand verstand, wie ich mich fühlte. Man kommt nach Hause, alles ist wie vorher, bevor man gegangen ist. Aber man selbst hat sich so sehr verändert. Selbst viele Monate nach meiner Rückkehr kann ich das nicht genauer beschreiben. Wird man erfahrener oder furchtloser? Ich kann es nicht sagen. Schließlich ist das auch bei jedem irgendwie ein bisschen anders. Fakt ist, diese ganzen neuen Bilder, Erfahrungen und Gefühle, die man auf jeder Reise sammelt, tragen etwas dazu bei, dass man nie wieder derselbe Mensch sein kann, der man vorher war. Das trifft für eine kleine Reise von 2 Wochen genauso zu, wie wenn man wie ich mehr als ein Jahr lang in einem anderen Land gelebt hat.


was bleibt?

Die anderthalb Jahre in Schweden haben mich sehr verändert! Ich bin als sehr viel offenerer Mensch zurück gekommen. Ich habe mich Dinge getraut, mich immer und immer wieder ins kalte Wasser geschmissen. Natürlich kann man Angst haben, aber das heißt nicht, dass man etwas nicht trotzdem machen (oder zumindest probieren) kann! Inzwischen vermisse ich es, englisch zu reden und heimlich die Gespräche von Schweden zu belauschen, in der Hoffnung, dass ich verstehe um was es geht. Ich möchte nicht, dass diese Selbstverständlichkeit, in einer anderen Sprache zu kommunizieren, verschwindet, weiß aber nicht, was ich dagegen tun kann.

Mittlerweile habe ich mich mit den meisten Dingen hier wieder arrangiert. Es hat ziemlich lange gedauert, das „Sie“ mit großem S wieder in meinen Wortschatz einzubauen. So richtig glücklich bin ich seitdem aber nicht mehr geworden. Am Anfang war es toll, sich daran zu erinnern, was ich alles erlebt habe. Inzwischen ist da nur noch Wehmut, wenn ich an die Zeit in Göteborg denke; die Angst, dass ich so etwas tolles nicht nochmal erleben werde und eine gewisse Resignation weil dieser Traum beendet ist und sich noch kein neuer entwickelt hat…


und jetzt?

Es tut gut, mal wieder darüber nachzudenken, was man eigentlich alles schon erreicht hat. Auch wenn alle Welt einen immer wieder gerne mit allen anderen vergleicht und einen selber dazu bringt, das auch zu tun: wir sollten alle mal wieder lernen, stolz auf uns zu sein (aber bitte ohne dabei überheblich zu wirken!). Denn nur wenn wir nicht andauernd mit Neid- und anderen negativen Gefühlen belastet sind, können wir wirklich etwas schaffen, etwas bewegen. Ehrliche Anerkennung und Kritik anderen gegenüber bringt auf Dauer mehr als geheuchelte Freundlichkeit!


Mit diesem Blogpost nehme ich an der Blogparade von „maria meets anna“ teil: Was ich auf Reisen fürs Leben lernte.


Erkenntnisse einer Reisenden

by Tine Jun 15, 2016 Views:874 Share:
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