Quomodo Blog

„Was treibt Euch an zu reisen? Wie sieht Eure Traumreise aus?  Welchen Reisetraum habt Ihr Euch erfüllt?“ Doch die Suche nach dem nächsten Reiseziel ist immer mehr zu einem Konkurrenzkampf verkommen. Nach dem Motto: Wer hat das exotischste Reiseziel?

Die Blogparade von Ellen auf Patotra hat mich dazu ermutigt, Sachen mal aufzuschreiben, über die ich sonst immer nur nachdenke. Und deswegen soll es hier nicht nur um meine Art zu reisen und den Antrieb dazu gehen, sondern auch ein bisschen darum, wie ich die Reisen anderer empfinde (ob Klischee oder nicht muss jeder selber entscheiden) und das Reisen an sich. Natürlich geht das nicht ohne ein kleines bisschen Ironie an manchen Stellen…

Das meistgelesenste Zitat in letzter Zeit ist wohl „Ich war noch nicht überall, aber es steht auf meiner Liste“. Doch will man wirklich überall hin? Hat nicht jeder seine persönlichen Vorlieben, wo er gerne hin möchte? Manch einer mag die Berge lieber, ein anderer das Meer. Die meisten Menschen zieht es ins Warme, mich in die Kälte des Nordens. Was hat man also davon, unzählige Stempel zu sammeln, zum Beweis, dass man irgendwann tatsächlich überall war? Schaut man sich seinen Reisepass hinterher wirklich so oft an, um das zu genießen? Ich für meinen Teil schaue mir meine aufwändig gebastelten Fotoalben leider viel zu selten an. Dafür erinnere ich mich gerne einfach nur so an meine Reisen. Allerdings ist mir auch aufgefallen, dass viele tolle Erlebnisse meiner Ausflüge leider untergehen, je mehr ich gesehen habe und je länger ich unterwegs war. Vielleicht sollten wir also mal wieder mehr genießen, mehr verweilen und nicht so viel an andere denken sondern mehr an sich und über sich. Wir müssen uns nicht mit anderen messen um glücklich zu sein, auch wenn uns diese (konsumorientierte?) Welt das gerne immer wieder vermitteln will.

Ich finde Reisen ist sehr wichtig für die eigene Entwicklung! Man lernt nämlich nicht nur neue Sprachen oder Orte kennen, sondern vor allem sehr viel von sich selber! Und dafür sollte man sich Zeit nehmen! Aber nur weil man die ganze Welt bereist hat, bedeutet das nicht, dass man zum besten Menschen auf Erden geworden ist. Ich weiß nicht, ob ich damit Blogger ansprechen will, die gerne „raushängen lassen“, wo sie schon überall waren. Ich möchte niemanden persönlich kritisieren, sondern anregen, dass man mal wieder ein bisschen intensiver über das eigene Verhalten nachdenkt. Man muss nicht das allerletzte verbliebene Fleckchen Erde unsicher machen, nur um zu sein, wo sonst keiner war. Man sammelt anscheinend solche Eindrücke nichtmehr nur für sich sondern um anderen zu zeigen, was man erlebt hat. Ja, ich weiß, auch ich blogge über meine Reisen. Aber ich möchte auch noch mehr, als nur zeigen wo ich war und was ich dort erlebt habe: ich möchte, dass andere ein bisschen mehr darüber nachdenken, wo sie hin reisen und was sie dort machen und vor allem für mich selber aufarbeiten, was ich unterwegs erlebt und gelernt habe, damit es nicht so schnell in Vergessenheit gerät. Ich mache keine „Wettreise“ mit anderen, ich versuche maximal meine eigenen kleinen Rekorde zu brechen. Dabei ist mir auch der Umweltschutz wichtig, ich würde z.B. sehr damit hadern, eine Kreuzfahrt zu machen… Ich möchte keinen zum grünen Öko bekehren, aber ist es wirklich nötig, dass inzwischen schwimmende Hotels auf unseren Ozeanen verkehren, auf denen die Touristen von einer Souvenier-Bude zur nächsten gekarrt werden, nur damit sie hinterher sagen können „da war ich schon“? Aber so ist er eben, der heutige Sensationstourismus: man muss immer tollere und ausgefallene Sachen erleben; es reicht nicht mehr, einfach nur dort zu sein und sich zu erholen (achja, das wäre ja Urlaub, und es ist wichtig zu betonen, dass man reist!). Vielleicht geht einem das ganze auch einfach zunehmend auf den Senkel, weil es inzwischen einfach immer mehr Menschen möglich ist, überall hin zu reisen. Die Billigflieger unterbieten sich mit Billigpreisen, immer mehr Menschen machen Kreuzfahrten und erwarten immer größere und besser ausgestattete Luxusliner … während die Natur und das, was da eigentlich mal irgendwann toll anzuschauen war, egal wird, so lange es nur gleich nebenan einen Touri-Shop gibt um den Daheimgebliebenen ein Souvenir mitzubringen, damit sie auch ja täglich daran erinnert werden, wo es die Freunde mal wieder hingeschafft haben, man selber aber nicht. „Nur stets neue, noch weitere, noch lukrativere Ziele können das Verlangen nach „Urlaubskonsum“ schüren“, schrieb schon 1967 Horst Hachmann für die Zeit. Vor noch längerer Zeit, als eben nicht jeder an die äußersten Ecken der Welt reiste, waren Souvenirs vielleicht etwas super tolles, das einem ein kleines Stückchen fremde Kultur ins Haus holte – jetzt kann man sich so etwas ganz einfach übers Internet bestellen…


Und da ich mich hier ja so munter über den Rest der Welt und seine Art zu reisen aufrege…. was treibt mich selber denn nun an?

Es ist schwierig geworden, die für einen selbst passende Reise zu finden, wo einem doch von allen Seiten Angebote und Hinweise entgegen geschleudert werden. Wer mit tausenden anderen auf dem Pilgerweg tatsächlich das findet, wonach er sucht, dem möchte ich hiermit gratulieren. Wer aber einfach nur, weil es andere getan haben und begeistert davon erzählten, auch pilgern möchte, oder eine Kreuzfahrt machen, oder was auch immer, der sollte sich vielleicht nochmal ein paar Minuten Zeit nehmen, um darüber nachzudenken, was für einen persönlichen Nutzen das dann wirklich hat. Ist man glücklicher hinterher? Oder nur zufrieden, dass dieses oder jenes jetzt auch abgehakt ist und man es vorzeigen kann? Dabei könnte man es doch wie Alastair Humphreys halten, dem Begründer des Konzepts des Microadventures:

You do not need to fly to the other side of the planet to undertake an expedition. You do not need to be an elite athlete, expertly trained or rich to have an adventure. Adventure is only a state of mind.

Meine Reisen sind immer auch Urlaub. Auch wenn es etwas gedauert hat, mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass man ein Land nicht innerhalb von 2 Wochen komplett kennen lernen kann, möchte ich immer mehr verweilen und genießen. Ich möchte mich erholen und nicht von der einen zur nächsten Sensation hetzen und sofort die ganze Welt via social media daran teilhaben lassen. Ich genieße die Freiheit, (auch mal mit Absicht) keinen Handyempfang zu haben und nicht rund um die Uhr informiert zu werden, was so in der Welt passiert. Im Norden Europas habe ich mein persönliches Paradies gefunden, wo ich zur Ruhe kommen kann. Denn die, die sich ganz der Wildnis des Nordens verschrieben haben, ticken einfach irgendwie anders als der typische Massentourist.

Ich für meinen Teil, als eher introvertierte Reisende, bin weder auf der Jagd nach Sensationen noch nach unzähligen flüchtigen Reisebekanntschaften. Ich möchte genießen und bewundern, was das Land zu bieten hat, verstehen wie und warum die Menschen dort leben und Legenden erkunden, muss aber nicht um jeden Preis bis zum letzten Meter heran. Auch aus der Ferne staunen kann toll sein! Und ich muss nicht in fremde Städte reisen, um auf Partys zu gehen. Generell würde ich auch eher sagen, dass es mich wohl an Orte zieht, wo ich eben genau das, nämlich Sensationslust und viele Menschen, umgehen kann. Natürlich freue mich mich über ein Pläuschchen mit einer Mexikanerin in Helsinki, die, wie sich herausstellte, nur wenige Kilometer von meinem Heimatort entfernt studiert. Oder dass es „natürlich“ Deutsche sind, die man am Arsch der Welt in einem Café trifft. Und nochmehr, wenn man auf diversen Campingplätzen auf Norwegisch oder Schwedisch angequatscht wird, einfach weil man schon so gut in dieses Land zu passen scheint. (Ärgerlich ist dabei nur, dass man davon so überrumpelt ist, dass einem so schnell keine passende Antwort einfällt, und dann doch wieder nur auf englisch.)

Meine Traumreise habe ich mir im Prinzip mit meinem Auslandsjahr in Schweden erfüllt. Es war zwar keine Reise als solche, da ich währenddessen ganz normal gearbeitet habe, aber durch die vielen Kleinigkeiten bleibt alles sehr viel besser in Erinnerung, als wenn ich das alles in 2 Wochen gemacht hätte. Aber natürlich bringen solche Erfahrungen immer neue Wünsche mit sich, wo es als nächstes hingehen soll / kann und was man dort machen möchte. Und natürlich muss alles beim nächsten Mal immer noch besser und verrückter sein… Muss es das wirklich? Jetzt heißt es nicht abheben sondern brav auf dem Boden der Tatsachen bleiben und nicht immer so viel wollen…! Ich glaube, das sollten wir alle wieder lernen. Man kann sich zur Abwechslung auch mal an den Reisen anderer erfreuen oder einfach nur in Erinnerungen schwelgen.

Und trotz aller ökologischer Bedenken werde ich wohl immer und immer wieder in den Norden reisen (ob nun Skandinavien, Island oder Schottland), um abschalten zu können und wieder zu mir zu finden. Und falls es doch mal ein bisschen größer und weiter weg sein sollte, ist da noch der Mini-Traum Kanada. Aber alles zu seiner Zeit!


Es gibt so viel zu diesem Thema zu sagen… Jeder wird dazu eine eigene Meinung vertreten und das ist ja auch gut so. Ich möchte zum Abschluss noch 3 Zitate loswerden, in der Hoffnung, die Menschheit wieder etwas zur Vernunft zu bringen…

“Reisen macht einen bescheiden. Man erkennt, welch kleinen Platz man in der Welt besetzt.“ – Gustave Flaubert

“Es ist nicht das Ziel, wo du endest, sondern bei den Missgeschicken und Erinnerungen, welche du auf dem Weg sammelst.“ – Penelope Riley

“Nur wer die Schönheit dieser Erde kennt, setzt sich engagiert für ihren Erhalt ein.“

by Tine Mai 9, 2016 Views:1331 Share:
This post has 3 comments
  • Liebe Tine,
    Ganz herzlichen Dank für diesen persönlichen Einblick und für den tollen Artikel. Ich freue mich sehr, dass Du mitgemacht hast!
    Lieber Gruss,
    Ellen

  • Schottland ist wirklich ein tolles Land zum Abschalten. Skandinavien würde ich auch noch gerne sehen. Ich mag auch das Weite und die „Einsamkeit“. Reisebekanntschaften sind mir auch nicht wichtig. Und Kanada erst… nicht nur ein Mini-Traum 🙂
    Du sprichst mir da ziemlich aus der Sehle mit deinem Text. Sehr schön geschrieben.

    • Vielen lieben Dank für Deinen Kommentar! Schön, dass es dir auch so geht! Lass mich wissen, falls es dich nach Skandinavien verschlägt und du Tipps brauchst 😉
      Liebe Grüße,
      Tine

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