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… wie ich mich dank Wickie und Nils aufmachte zu Abenteuern in den Norden…

Es gibt Bücher, für die ist man einfach nie zu alt. Auch mit 30 (hier einfach eine variable Zahl einsetzen) fiebert man noch mit den Abenteuern mit. Und man freut sich schon darauf, wenn man sie mit den eigenen Kindern erneut schauen kann. Sie haben eine so tiefe Bedeutung für uns, deren wir uns manchmal vielleicht gar nicht so richtig bewusst sind. Für mich stehen dabei 2 Bücher(/-Serien) ganz oben auf der Liste: „Wickie und die starken Männer“ (sowie alle Fortsetzungen) und „Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“. Sie haben mich wirklich ins Abenteuer gezogen und haben einen großen Anteil daran, dass ich zu einem nord- und winterverliebten Schneehörnchen geworden bin.

Auch ich war einmal ein kleiner rothaarige „Junge“, etwas ängstlich aber immer bereit für Abenteuer. Ich habe Wickie so sehr um seine guten Ideen beneidet. Also wollte ich auch so viel von der Welt und besonders von Wickies Heimat sehen, in der Hoffnung, dadurch auch so schlau zu werden.

Auch auf den kleinen Nils war ich neidisch. Wenn im Frühling die Gänse schnatternd und in ihrer typischen V-Formation über unsere Köpfe flogen, fragte ich regelmäßig, ob Nils und Martin auch dabei sind. Und noch heute, viele Jahre später, träume ich davon, die wunderschönen Landschaften Schwedens und vor allem Lapplands einmal aus dieser Perspektive zu sehen.

„Etwas war da, woran diese Landschaft reicher war, als alle anderen, nämlich an Licht.“

(c) Anders Ekholm (imagebank.sweden.se)

Und auch als verfilmte Trickfilm-Serie ist das Buch fesselnd, auch wenn die Geschichte darin stark vereinfacht wurde. Noch heute kann ich nicht wegschalten, wenn eine Episode der „wunderbaren Reise des kleinen Nils Holgersson“ läuft. Darin gibt es als Zusatz zum Buch außerdem noch den kleinen Hamster Krümel (ein besserer Name für einen Hamster wird wohl schwer zu finden sein), der Nils auf seinen Reisen immer treu zur Seite steht.

Was ich neben all den erlebten Abenteuern und abgewendeten Gefahren aber wirklich schön finde ist, wie viel Wert Selma Lagerlöf darauf gelegt hat, moralisch kontroverse Fragestellungen und ethische Themen zu bearbeiten. Dabei lernen ihre Charaktere (und dadurch hftl. auch alle zukünftigen Leser), Verantwortung zu übernehmen und Achtung gegenüber anderen Lebewesen (ob nun Mensch oder Tier) zu haben. Aber durch den Tod einer Hauptfigur und seiner Beerdigung (der ein ganzes Kapitel gewidmet ist) werden auch die eher tragischen Seiten eines Lebens erzählt. Und angesichts der wieder steigenden Zahlen von Tuberkulose-Erkrankungen in Schweden ist das Buch auch gerade wieder aktuell, denn neben damals aktuellen Themen wie Armut und Kinderarbeit spielt auch der Kampf gegen Tuberkulose und für Volksgesundheit und Hygiene eine wichtige Rolle.

„Und der Junge empfand eine solche Sehnsucht nach dem Davonziehen, dass er nicht weit davon entfernt war zu wünschen, er wäre wieder der Däumling und könne mit einer Schar Wildgänse über Meer und Land fliegen.“

(c) Per Pixel Petersson (imagebank.sweden.se)

Wie auch Nils schwanke ich oft zwischen Fernweh und Abenteuerlust und einer gewissen Heimatverbundenheit. Und auch wenn im Kindesalter die Geschichte des Wichtelmännchens im Vordergrund stand und man begeistert lauschte, wenn daraus vorgelesen wurde, kann man jetzt das ganze als das nutzen, wofür Selma Lagerlöf den Auftrag erhielt: ein schwedisches Schulbuch über Land und Leute. Vor allem, wenn man den ein oder anderen Fleck in Schweden schon bereist hat und sich die Bilder vor dem inneren Auge wieder aufbauen, ist es schön, die Geschichten nochmal aus einem erfahrenen Blickwinkel zu erleben.

Und für alle, die ihr Schwedisch verbessern wollen: Die Reise des Nils Holgersson kann man auch online im Original lesen: auf runeberg.org gibt es nordische Literatur von 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Akka, wie die Leitgans im Buch heißt, bedeutet übrigens Mutter bzw. die Weise auf samisch. Und die Namen der anderen Gänse, die namentlich erwähnt werden, sind die finnischen Zahlen von 1 bis 6: yksi, kaksi, kolme, nejlä, viisi und kuusi (wenn das mal kein guter Grund und Start zum Finnisch lernen ist… 🙂 ).


Hej hej Wickie!

Wie Nils Holgersson, sind auch die Trickfilm-Episoden von Wickie aus den 70ern eine japanische Anime-Verfilmung. Die altbekannte Frage, welches Geschlecht Wickie denn nun hat, kann ich aber wirklich nicht mehr hören. Auch wenn sich der Illustrator des Erstlingswerkes, Ewert Karlsson, bei der zeichnerischen Darstellung des kleinen Wikingers an seiner Tochter orientierte, ist und bleibt Wickie ein Junge (aber eben mit typisch nordischen längeren roten Haaren)! Die Anregungen für die Kinderbuchserie fand Rune Jonsson übrigens in den Isländersagas und in „Die Abenteuer des Röde Orm“, einem schwedischen Wikingerroman, der die Lebensgeschichte des Bauernsohn Röde Orm beschreibt.

Seitdem bin ich jedenfalls begeistert von Wikingern und allem, was damit zu tun hat. Ich komme an keinem Wikinger-Museum vorbei, ohne auch rein zu gehen. Und auch andere wichtige Stätten muss ich unbedingt sehen, z.B. die Insel Lindisfarne an der Ostküste Nordenglands, wo die „Barbaren des Nordens“ im 8. Jhdt. nach England einfielen und ihre Abenteuer in Europas Westen starteten.

Die Skandinavier waren schon damals irgendwie fortschrittlicher in ihrem Denken. Auch wenn der Begriff des „Jantelagen“ erst 1933 entstanden ist, verbinde ich auch das schon in gewisser Weise mit den Wikingern. Und auch die geschlechtliche Gleichstellung war für damalige Verhältnisse ganz gut geregelt. Obwohl die Frauen nicht mitkommen durften auf Handelsfahrten und Raubzüge durch ganz Europa, hatten sie doch besondere Rollen inne. Sie waren die unangefochtenen Chefinnen im Haus, nicht nur wenn die Männer unterwegs waren. Und auch genau das mochte ich an Wickie: Sein Vater Halvar hatte zwar immer eine große Klappe, aber die Mutter Ylva immer Recht 🙂 !


Als die Tiere den Wald verließen…

Zum Abschluss möchte ich noch ein drittes Buch (bzw. Serie) nennen, die mich sehr geprägt hat: Die Thalerwaldtiere, auch bekannt unter dem Seriennamen „Als die Tiere den Wald verließen“. Es war schrecklich mit anzusehen, dass Tiere aus ihrer Heimat fliehen müssen, weil ihr natürlicher Lebensraum durch den Menschen zerstört wird.

Natürlich gibt es auch noch zahlreiche andere Faktoren, weswegen ich mich für Natur- und Umweltschutz einsetze. Aber die Tiere aus dem Thalerwald sind vielleicht meine erste richtige Erfahrung damit gewesen. Und jetzt fühle ich mich immer dort wohl, wo der Mensch eben noch nicht alles zerstört hat, sondern die Natur noch so richtig schön wild ist.


Mit diesem Beitrag nehme ich an der Blogparade von „Living like the renegades“ teil: Geschichten, die einen ins Abenteuer ziehen.

by Tine Okt 27, 2016 Views:1144 Share:
This post has 2 comments
  • Soooo schön! Ich habe die Geschichten und Abenteuer von Nils Holgersson geliebt! Und Wickie war natürlich auch immer dabei 😉
    Da kann ich dir nur zustimmen, dass die beiden einen immer irgendwie mit in die Ferne gezogen haben. Dank dir laufe ich jetzt mit einem Ohrwurm und einem breiten Grinsen durch die Gegend: Hey Wickie,… 🙂
    Super Beitrag, ich werde ihn im Laufe des Tages verlinken 😉

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